Eine Bitte an Entscheidungsträger:Innen…

Liebe Schulleitungen, Schulträger, IT-Verantwortliche und alle, die irgend etwas mit Schulentwicklung und Digitalisierung zu tun haben.

Das ist ein offener Brief mit Dingen, die mich beschäftigen. Nicht erst seit Corona, durch die damit verbundenen und gewissermaßen erzwungenen Umstände aber verstärkt.

Ich gebe seit nunmehr 9 Jahren Fortbildungen für Schulen bzw. Bildungseinrichtungen, die sich für den Einsatz von iPads entschieden haben und da sind wir bereits beim ersten Punkt: „… die sich für den Einsatz […] ENTSCHIEDEN haben“. 

In der Vergangenheit war es so, dass vor dieser Entscheidung teilweise jahrelange Überlegungen und Entwicklungsprozesse gestanden haben. Ursprünglich gingen diese Überlegungen in der Regel von einigen wenigen Kolleg:Innen aus, die selbst Interesse an der Weiterentwicklung ihrer methodisch-didaktischen Möglichkeiten hatten und für sich schon sehr früh Mittel und Wege gefunden haben, ihren Unterricht anders zu gestalten und dazu eben auch das ein oder andere „digitale Helferlein“ eingesetzt haben. 

Da mein Schwerpunkt der Einsatz von iPads im Unterricht ist, werde ich mich perspektivisch in diesem Artikel auch auf Umgebungen mit iPads konzentrieren. Und wie ich oben sagte, haben sich Schulen in der Vergangenheit ganz bewusst für den Einsatz von iPads im Unterricht entschieden, weil dazu Vorüberlegungen angestellt wurden, warum und wie die Geräte im Unterricht eingesetzt werden sollen.

Zwei zentrale Fragen, die jede Lehrkraft im Referendariat (bzw. im Vorbereitungsdienst) in den Mittelpunkt der Unterrichtsplanung stellen musste, die zumindest zu meinen Zeiten so genannte „methodisch-didaktische Begründung“. 

Anders gesagt: Vor dem eigentlichen Unterrichten steht die Frage (oder sollte die Frage stehen), warum ich den Schülerinnen und Schülern diese Inhalte beibringe und warum ich sie ihnen auf diesem Weg beibringe. Im besten Fall führt das dazu, dass man sich über genau diesen Weg Gedanken macht und aus der eigenen Perspektive heraus auf Ideen kommt, die an Grenzen stoßen, im Unterricht umgesetzt werden zu können. 

Aus diesen „Grenzerfahrungen“ entspringen Wünsche, Bedürfnisse, die letztendlich dazu geführt haben, dass es zu Beginn der Pandemie Schulen und Bildungseinrichtungen gab, die ganz und gar nicht von den Anforderungen des Distanzunterrichts überrascht wurden, sondern die relativ unangestrengt auf Online-Unterricht umgestiegen sind. 

Schulen, die im Prinzip im Distanzunterricht ähnlich oder sogar genau so wie im Präsenzunterricht weitermachen konnten, weil eben auch bereits dort die methodisch-didaktischen Möglichkeiten so weit entwickelt, angewendet, geübt und damit etabliert waren.

Um diesen Stand zu erreichen, gingen an diesen Schulen aber Jahre der Planung voraus, meistens ausgehend von ein-zwei Kolleg:Innen, die vorher an ihre Grenzen gestoßen waren und einfach mehr wollten, und die das Glück hatten, auf Schulleitungen zu treffen, die gesagt haben: „…dann machen sie mal, probieren sie aus, schauen sie, in welche Richtung es gehen könnte und dann sehen wir weiter.“

Diese „Vorreiter:Innen“ haben dann meistens ein kleines Grüppchen um sich gescharrt, oft technik-affine Kolleg:Innen, die einfach Lust drauf hatten, im Unterricht mehr machen zu können, als das, was den derzeitigen Möglichkeiten entsprach. In der Regel gab es dann den ersten iPad-Koffer (mit 16 Geräten), der dann mal hier und da im Unterricht eingesetzt werden konnte. Auf den ersten Koffer folgte ein zweiter und mit dem Entdecken der Möglichkeiten entstand nicht nur der Wunsch, sondern auch das Bedürfnis, dass Schüler:Innen eigene Geräte brauchen, um auf den Geräten auch individuell arbeiten zu können, vor allem auch kontinuierlich arbeiten zu können und nicht nur projektbezogen partiell mal hier mal da Möglichkeiten der Geräte genutzt werden können, an anderer Stelle diese Möglichkeiten aber wieder nicht vorhanden waren. Allein das Erledigen der Hausaufgaben machte ohne eigene Geräte ja keinen Sinn, weil man Aufgabenstellungen, die man gerne gegeben hätte, gar nicht geben konnte

Was dann oft folgte, waren die ersten „iPad-Pilotklassen“, die dann dazu führten, dass es irgendwann den ersten „iPad-Zug“ gab und nach einigen Jahren waren die Züge einmal komplett durchgewachsen und die ersten 1:1 Schulen waren geboren. 

WLAN war an diesen Schulen übrigens oft auch nur mehr oder weniger zufällig vorhanden, nicht in jedem Raum, geschweige denn im gesamten Schulgebäude. Auf diesen Punkt gehe ich aber später nochmal kurz gesondert ein. 

Die Schulen, von denen ich gerade spreche, waren die, die von der durch Corona-bedingten Situation nicht oder nur minder überrascht waren. Sie waren vorbereitet. 

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Es gab auch viele Schulen, die teilweise durchaus gute Ansätze hatten. Schulen, die bereits mit Schüler:Innen-Accounts in der Schule gearbeitet haben, Schulen, die bereits Lernplattformen eingesetzt haben, Schulen, die den Einsatz digitaler Medien durchaus schon praktiziert haben, die aber nun trotzdem auch an ihre Grenzen stießen. 

Es gibt ja neben den Schulen, sie sich bewusst für iPads entschiedenen haben, auch viele Schulen, die sich bewusst dafür entschiedenen haben, dass alle mit den Geräten arbeiten, die sie bereits haben. Wertschöpfungskettentechnisch gesehen ist das sicherlich positiv zu bewerten. Für die Praktikabilität in der Anwendung dieser Vielzahl von unterschiedlichen Betriebssystemen werfen sich mir da aber immer Fragen auf, die von Verteter:Innen („Verfechter:Innen“) dieser BYOD (Bring Your Own Device) -Schulen abgeschmettert werden mit „das funktioniert bei uns alles super“. 

Tja, da stellt sich mir dann immer dies Frage: WAS ist dieses „das“? 

Natürlich kann man mit den Geräten recherchieren (bei Handys als BYOD sogar bei fehlendem Schul-WLAN), man kann auch PDFs öffnen, Dokumente erstellen, man kann Dinge tun wie Mindmaps erstellen, man kann sicherlich auf den meisten Geräten auch Anwendungen wie z.B. GeoGebra laufen lassen, man kann Fotos und Videos erstellen, und manchmal sogar kollaborativ arbeiten.

Aber unter welchen Bedingungen? 

Da ich keine Erfahrungen in diesem Bereich habe, muss ich mich darauf verlassen, was mir von Kolleg:Innen berichtet wird, die unter diesen Bedingungen arbeiten (müssen), und ich spreche jetzt nicht von Kolleg:Innen, die diese BYOD-Situation an ihrer Schule initiiert haben, die alle Betriebssysteme beherrschen, die hier und da und dort das Menü kennen, das kleine Schräubchen, an dem gedreht werden kann, damit es „jetzt auch bei dir“ funktioniert, die Kolleg:Innen, bei denen BYOD ein Selbstläufer ist, weil sie sich durch ihre Kenntnisse auf die Situation einstellen können. 

Ich rede von den Erfahrungen, die die „ganz normalen“ Lehrkräfte machen, die eigentlich letztendlich „einfach nur unterrichten“ möchten. Da geht bei dem einen Gerät heute die App nicht auf, das andere ist gerade unerklärlicherweise endlos langsam, eins kommt mal wieder nicht ins WLAN, drei können meine Datei nicht öffnen obwohl es letzte Woche noch ging, bei einem bleibt die Kamera schwarz, beim anderen lädt gerade irgendwas im Hintergrund und deswegen geht gerade gar nichts. 

Auch schon mal gehört oder selbst erlebt? In meinem inneren Auge sehe ich gerade viele Leute gequält schmunzeln. 

Das Ergebnis dieser Vielfalt ist übrigens dann meistens, dass man in den BYOD-Klassen auf Anwendungen im Internet ausweicht, weil dann auch das schlechteste Gerät mitmachen kann, man reduziert also alle vorhandenen Geräte auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner“. Prima. Für das schlechteste Gerät! Für die anderen? Zumindest fragwürdig. Übrigens weiß ich durchaus, dass sich gerade eine Vielzahl der Leser:Innen fragt, von welchem „Internet“ ich spreche. Allein das wäre ein Thema, an dem man sich stundenlang abarbeiten könnte. Ich möchte dazu lediglich beitragen, dass sich – wie wir alle wissen – bei diesem Punkt Politikversagen, Fehlplanung – auf so vielen Ebenen zusammen „bestens“ ergänzt haben, dass es gerade so ist wie es ist. 

Um aber nochmal auf die BYOD-Situation zurückzukommen: Wenn nun alle diese Geräte auf Online-Anwendungen zurückgreifen sollen, dann geht das bei immerhin vorhandenem WLAN partiell sicherlich problemlos. Bei einer Klasse oder auch zwei oder drei Klassen. Bei einer Schule mit 1000 Schüler:Innen bräuchte man da aber schon eher eine Glasfaser-Leitung. Und wenn man sich am Thema WLAN schon abarbeiten könnte, dann wäre das Thema GLASFASER das nächste. Nicht hier, nicht jetzt. 

Worauf ich hinaus möchte: Für ganz normale Lehrerinnen und Lehrer ist BYOD mehr oder weniger eine Zumutung. Das habe ich schon öfters gesagt und ich sage das nicht aus Böswilligkeit, sondern ich sage das, weil mir diese Empfindung so zugetragen wurde und wird. 

Dazu kommt, dass neben den organisatorischen Unwägbarkeiten die methodisch-didaktischen Möglichkeiten basierend auf den Umsetzungsmöglichkeiten der Geräte beschränkt bleibt. Da kommen viele Dinge zusammen und sicher gibt es Lehrer:Innen, die ausdrücklich mit BYOD tolle Stunden halten und tolle Ergebnisse produzieren, aber für viele Kolleg:Innen hört bei BYOD der Einsatz der Geräte eben bei der Recherche und beim Austeilen von PDFs (statt Papier) auf. 

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Zunächst sollte man sich als Bildungsinstitution für EIN Betriebssystem entscheiden. Und schon höre ich die Stimmen derjenigen, die die Diversität von Betriebssystemen im Unterricht propagieren, weil angeblich „nur dann“ das Wort „Medienbildung“ seine Berechtigung fände und es ja sonst z.B. „iPad-Bildung“ werden würde. Die Schülerinnen und Schülerinnen, die nicht alle Betriebssysteme kennen und bedienen könnten, würden später im Leben schlechter zurechtkommen. Hm… wage ich zu bezweifeln, zumal sich ein Großteil der Verfechter:Innen der Betriebssystem-Diversität die letzten 20-30 Jahre damit abgefunden haben, dass sie sich automatisch alle paar Jahre einen Computer mit vorinstalliertem Windows gekauft haben („…ach stimmt ja, jetzt wo du es sagst“). 

Ja, ich weiß, es gibt noch Linux&Co. Diese Diskussionen führe ich im Twitterlehrerzimmer immer wieder und ich glaube wir werden da nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Sorry. Deswegen blende ich das bewusst aus.

Also, EIN BETRIEBSSYSTEM. Übrigens für alle. Klar für alle. Nein, nicht immer:

Kurze Erklärung: Nachdem mir eine Kollegin vor einigen Monaten voller Freude schrieb, dass alle ihre Schüler:Innen der Schule 1:1 mit iPads ausgestattet wurden, schrieb sie mir einige Wochen später, dass jetzt auch alle Lehrer:Innen ihre Geräte bekommen würden. 

„Windows Surface“.

WHAT???

Das fällt dann unter die Rubrik „kannste dir nicht ausdenken“. Da hat es tatsächlich jemand hinbekommen, Digitalisierung so dermaßen misszuverstehen, dass Schüler:Innen und Lehrer:Innen mit unterschiedlichen Betriebssystemen ausgestattet wurden.

Prima. Läuft bei euch! Nicht! 

Ich habe oben bereits bei BYOD vom „kleinsten gemeinsamen Nenner“ gesprochen. Wie bitte soll sowas bei völlig unterschiedlichen Geräten auf beiden Seiten funktionieren? Wie? Ich weiß es nicht. Ich will es auch ehrlich gesagt irgendwie gar nicht wissen. Ich kann nur sagen, dass es mir für die betroffenen Kolleg:Innen einfach nur leid tut. Es tut mir leid. Für euch. Für euer Arbeiten, für eure Planung, Durchführung von Unterricht. Für die Sicherung von Unterrichtsergebnissen und eben alles was zum Unterricht dazugehört. 

Im besten Fall wissen die Kolleg:Innen dort, was man mit iPads im Unterricht so alles anstellen kann und sie passen ihre Arbeitsaufträge entsprechend an und schöpfen die Möglichkeiten aus.

Im schlechtesten Fall werden von der Adminstration der Schule die iPads in ihren Möglichkeiten so kastriert und kaputtkonfiguriert, dass die Möglichkeiten von Windows-Geräten übrig bleiben und erfahrene Windows-Nutzer:Innen sich jeden Tag mit diesem „Scheiß“ herumplagen, dass die iPads ja nicht so schön zu bedienen wären wie ihre Windows-Geräte und die (berechtigte) Frage stellen, warum man dann nicht gleich Windows gekauft hätte. 

Dieser letzte Absatz schließt schon zwei Dinge gemeinsam mit ein. 

Mit iPads wird natürlich auch bedingt durch die Bedienoberfläche manches anders gemacht als man es von einem Windows-Gerät gewohnt ist. Dafür gehen aber auch ganz viele Sachen, die auf anderen Betriebssystemen entweder GAR nicht oder nur sehr umständlich umsetzbar sind. 

Ich werde hier nicht das Fass aufmachen, zu erklären, warum ich iPads im Unterricht favorisiere. Dazu können Sie mir eine Nachricht schreiben und wir können uns darüber unterhalten. Das ist ja mein Beruf. Ich sage nur so viel: In erster Linie bin ich Pädagoge und denke aus der Sicht eines Lehrers wie man Unterricht anders gestalten, bestenfalls auch verbessern kann. Und ich finde, dass iPads dafür das beste Mittel der Wahl sind. Aus Gründen. Ich sage auch gar nicht, dass andere Betriebssysteme nicht auch tolle Sachen können. Für mich macht den Unterschied zu iPads aber aus, dass es auf den Geräten eben JEDER kann. Und zwar auf den beiden Seiten der Medaille. Auf der Seite der Lehrerin:Innen und eben und gerade auch auf der Seite der Schülerinnen:Innen.

Ich behaupte auch nicht, dass man mit iPads automatisch besseren Unterricht macht. Das ist Unsinn. Eine desinteressierte Lehrkraft, die ohne iPads schon uninteressanten Unterricht gemacht hat, wird mit iPads jetzt nicht automatisch zum schulischen „Ideenpool der Unterrichtsinnovation“ und die Welt verändern. Das Ding ist aber: Sie KÖNNTE es, wenn sie es wollte, weil es auf iPads einfach ist und es wirklich jede/r kann.

Wenn letztendlich Unterrichtsideen entstehen, dann können diese auf Seiten der Schülerinnen:Innen eben garantiert AUCH umgesetzt werden. Egal wie alt sie sind, egal wie vorgebildet sie sind etc. und deswegen nochmal: Mit iPads kann jede/r sofort effektiv arbeiten, wenn folgende Bedingung erfüllt ist:

Man muss wissen, WAS die Dinger können. 

Eine. Grundvorraussetzung. 

Dazu muss man auch wissen, WIE die Dinger bedient werden. 

Wenn man iPads wie einen Windows-Rechner denkt, dann sind iPads für viele Leute Scheiße. Huch, sorry, aber alle, die mich aus meinen Workshops kennen, wissen, dass manche Dinge manchmal klare Worte benötigen. Wenn man auf iPads ausschließlich Dinge tut, die man vorher auf einem anderen Betriebssystem teilweise über Jahrzehnte anders gemacht hat, dann denkt man sicherlich oft „ja das ist jetzt aber doof“ oder zumindest „ja das ist jetzt aber seltsam“. 

Und das denkt man so lange, bis man erklärt bekommt warum manche Dinge so sind und dann bekommen sie auch einen Sinn und sind auf einmal toll („…warum ist das nicht schon immer so, das ist ja viel logischer“ von einer Kollegin, die feststellte, dass man auf iPads nicht aktiv „speichern-unter“ muss, weil es das iPad automatisch tut). 

Und jetzt komme ich nach diesem langen Vorgeplänkel zum eigentlichen Anlass meines Textes. Und wer bis hierhin durchgehalten hat: Willkommen in meiner Welt, die seit 9 Jahren darin besteht, Schulträgern, Bildungseinrichtungen, Lehrer:Innen die methodisch-didaktischen Möglichkeiten von iPads im Unterricht zu zeigen und beizubringen. Vor Corona habe ich das überwiegend vor Ort gemacht, durch Corona überwiegend online. Und das was ich nun schreibe, hätte ich schon vor einem Jahr schreiben können, vielleicht sogar müssen, aber ich war wohl noch nicht verärgert genug. 

Ich habe allein in den letzten anderthalb Jahren ca. 5-6000 Kolleg:Innen online geschult. Alle Schulformen, alle Fächer, und garantiert alle nur möglichen Szenarien erzählt bekommen, mit denen Lehrer:Innen an ihren Schulen konfrontiert sind. 

Alle. Szenarien. Alle. 

Und da stellt sich mir dann halt doch die ein oder andere Frage und diese Fragen richten sich an Sie, liebe Schulleitungen, Schulträger, IT-Verantwortliche und alle, die irgend etwas mit Schulentwicklung und Digitalisierung zu tun haben.

Irgendwie muss die Wahl bei Ihnen ja auf iPads gefallen sein und das zeugt ja schon mal von einer gewissen Weitsicht, weil Sie sich dafür (auch manchmal ohne wirklich zu wissen warum) entschieden haben. Herzlichen Glückwunsch! Das freut mich ausdrücklich.

Jetzt höre ich aber von den unterschiedlichsten Szenarien und da tun sich mir schon teilweise beschriebene Abgründe auf.

Mit der schlimmste Fall sind die sog. „Dienstgeräte“, die von einer Administration so kaputtkonfiguriert wurden (ich hatte den Begriff bereits weiter oben eingeführt), dass sie mehr oder weniger für individuelles Unterrichten nicht mehr zu gebrauchen sind.

Da werden dann auch die Apple-eigenen Office-Programme (Pages, Keynote, Numbers) deinstalliert und durch ein Office365-Paket ersetzt.

Leute, wenn man nicht weiß, was die Apple-Programme können, dann sollte man jemanden fragen, der sich damit auskennt. Sie rauben nämlich Ihren Kolleg:Innen z.B. die Möglichkeit, in einem Dokument direkt einen Film zu platzieren oder ein Audio oder eine animierte Zeichnung, die sich von selbst zeichnet. Offline. Ohne Internet. Geht alles. Können die Dinger. Ach wussten Sie nicht? Jetzt wissen Sie es. Und das ist nur ein Ausschnitt aus Dingen, die Sie nicht wussten. 

Wussten Sie, dass man mit AirDrop Dateien ohne vorhandenen Access-Point zwischen iPads hin- und herschicken kann? Von Gerät zu Gerät? Ohne Internet. Einfach so. Ach das wussten Sie? Und warum haben Sie es ausgeschaltet? Achso, weil die Schüler:Innen sich dann auch heimlich im Unterricht Sachen hin- und herschicken könnten. Echt jetzt? Ich bin in den 80er Jahren zur Schule gegangen. Wir hatten damals eine Geheimsprache, mit der wir nur mit den Händen „heimlich“ ganze Diskussionen im Unterricht geführt haben wenn es mal langweilig war (was es durchaus öfters war). War jetzt auch nicht dramatisch, was aber an dieser Stelle dramatisch ist: wir sind doch alle Pädagog:Innen und solche Dinge muss man eben pädagogisch lösen. Es hilft doch nichts, Dinge abzuschalten, wenn man sich dadurch so vieler Möglichkeiten beraubt, die durch eine solche Funktion erst möglich werden. Abgesehen davon, dass es wohl keine DSGVO-konformere Möglichkeit des digitalen Verteilens und Einsammelns von Unterrichtsmaterial gibt, die auch noch bei völlig anderweitig fehlender technischer Ausstattung (kein WLAN, kein Speicher, keine Schulkonten etc.) umsetzbar ist. 

Dazu gibt es an Ihren Schulen Kolleg:Innen, die schon Jahre iPads einsetzen und teilweise viel Geld für Apps ausgegeben haben, um ihren Unterricht zu verbessern. Sie verhindern – aus welchen Gründen auch immer – dass sich diese Kolleg:Innen, denen man eigentlich dankbar sein sollte für ihr Engagement, mit ihrer privaten Apple-ID im App-Store anmelden dürfen, um keinesfalls privat gekaufte Apps zu installieren. 

Ich versteh’s nicht. Der Sinn erschließt sich mir einfach nicht. Was ich da vor allem nicht verstehe, ist, dass es an manchen Schulen geht und an anderen nicht. Einige erlauben es, andere nicht. Ja, ich weiß, Datenschutz und DSGVO und so. Ja, ist aber auch bei vielen Dingen Ermessenssache. Und da frage ich mich halt ernsthaft, wie man da Entscheidungen trifft. Aktiv pro Lehrkraft (erfordert meist eine Beschäftigung mit dem Thema und somit macht das wirklich Arbeit) oder einfach Nein sagen weil es bequemer ist. 

Es gibt Schulen in Deutschland, da ist es z.B. erlaubt,

  • den iPads einen eigenen Namen zu geben (führt dann auch im Unterricht zu dem Ergebnis, dass Schüler:Innen nicht fragen „Herr Sippel, sind Sie das XY_37942*15378 oder sind Sie XY_26587*15378?“
  • sich mit den iPads auch im privaten WLAN zu Hause anzumelden (was ich nur aufzähle, weil es Schulen gibt, die auch DIESE Möglichkeit sperren!)
  • sich bei bereits vorhandenen und genutzten Cloud-Diensten anzumelden, ja ausdrücklich auch bei iCloud. Übrigens werden private Dateien aus privaten iCloud-Daten nicht auf das Gerät automatisch heruntergeladen. Wussten Sie nicht? Ist aber so (und dass ggf. Metadaten geladen werden, würde ich jetzt als Ermessensspielraum in dubio pro Lehrkraft sehen)

[ diese Liste ist nur ein Anfang. fragen Sie ihre Kolleg:Innen wo der Schuh drückt! Sie werden sich wundern…]

Es gibt übrigens auch Schulen, die ausdrücklich verwaltete Apple IDs für alle Lehrer:Innen und Schülerinnen:Innen erstellen und ausdrücklich erlauben, dass Unterrichtsmaterialien, -Fortschritte, -Ergebnisse usw. auch in der iCloud gespeichert werden dürfen. Mein Lieblingsbeispiel ist gerade das Bundesland Bremen, dessen behördlicher Datenschutzbeauftragter entschieden hat, dass die Vorteile der Nutzung im Unterricht gegenüber den einzuhaltenden Bestimmungen der DSGVO nach Abwägung und im Ermessen überwiegen und sie deswegen ausdrücklich erlaubt ist. 

Da fragt man sich dann, warum das manchmal sogar von Schule zu Schule unter einem gemeinsamen Schulträger unterschiedlich gehandhabt wird, geschweige denn von Schulträger zu Schulträger oder gar von Bundesland zu Bundesland. Übrigens nutzen ca. 90% aller Schulen in Österreich, die mit iPads arbeiten, die iCloud von Apple. Ich rede von dem Österreich, das in der gleichen EU ist wie Deutschland und das mit der gleichen Datenschutzgrundverordnung die iCloud erlaubt, mit der sie in Deutschland oft verboten wird. Muss ich nicht verstehen. 

Was ich aber gerne verstehen würde: Alle Ihre Kolleg:Innen wünschen sich eigentlich nur eines: stressfrei Unterrichten! Einfach so! Jeden Tag. Und ich frage mich, warum ihnen dabei so oft Steine in den Weg gelegt werden. 

Es braucht meiner Meinung nach Hilfe von allen Beteiligten, die Entscheidungen darüber zu treffen haben, welche Geräte benutzt werden und was die Geräte können und dürfen sollen. Dazu gehört übrigens auch, dass bei zufällig professionell vorhandener IT diese IT sehr genau weiß, was Lehrer:Innen brauchen, wollen, können müssen.

Und ich erwarte eine Grundhaltung der Entscheidungsträger:Innen, die im Zweifelsfall immer „pro Lehrkraft“ entscheidet. 

Das sehe ich im Moment ganz oft eben nicht.

Auch, weil an Schulen viele, die diese Entscheidungen treffen, eben gar nicht wissen, wie man die Geräte methodisch-didaktisch einsetzen kann, es aber, was noch viel schlimmer ist, oft auch auch gar nicht wissen wollen. Böse Zungen behaupten sogar, dass sie mutwillig die Funktionalität der Geräte einschränken, um danach sagen zu können „…ich hab es ja von Anfang an gesagt, die Dinger taugen nichts…“. 

Und jetzt komme ich zum Anfang meines Textes zurück: früher haben sich Schulen ganz bewusst aus methodisch-didaktischer Begründung für iPads entschieden. Weil sie aus oben genannten Gründen diese Geräte im Unterricht als am Gewinnbringendsten gesehen haben und damit die sog. „Digitalisierung“ relativ schnell umsetzen konnten. 

Heute werden diese Entscheidungen oft adhoc getroffen, manchmal aus logistischen Gründen, manchmal aus pragmatischen Gründen, manchmal ohne Begründung oder es war halt gerade Geld übrig und da hat jemand diesen Zettel mit der Telefonnummer unter der Tür durchgeschoben…

Dann muss aber auch dafür gesorgt werden, dass es möglichst schnell einen Plan gibt, wie die Geräte im Unterricht eingesetzt werden sollen. Dazu gehört aber vor allem das Wissen darum, was die Geräte können und wie man sie einsetzen kann. Das ganze dann bestenfalls methodisch-didaktisch begründet. Dazu gehört auch unbedingt zuzuhören, welche Bedürfnisse die Kolleg:Innen haben und welche Möglichkeiten es gibt, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Es gibt einen Unterschied zwischen einem „Nein das geht nicht“ und einem „Nein im Moment nicht, wir werden alles tun was wir können, um es ggf. möglich zu machen“. 

iPads machen im Unterricht erst Sinn, wenn sie auch mit ihren Möglichkeiten genutzt werden können. Unterstützen Sie ihre Kolleg:Innen, iPads möglichst barrierefrei einsetzen zu können. Unwissenheit ist die eine Barriere. Schule sollte nicht weitere dieser Barrieren künstlich erzeugen.

Dazu gehören auch Möglichkeiten, die iPads im Unterricht vorne im Klassenraum spiegeln zu können. Gerade dieser Punkt erfordert große Aufmerksamkeit. Wenn Sie Kolleg:Innen haben, dir sich nicht mit Technik auskennen, die keine Technik „lernen“ möchten, um Technik im Unterricht einzusetzen, dann müssen Sie dafür sorgen, dass die Technik nur benutzt wird. Sie muss einfach nur da sein und funktionieren. Eine Lehrkraft, die sich zum ersten mal traut, iPads im Unterricht einzusetzen, und bei diesem ersten mal all drei Minuten wegen „gebastelter Lösung“ vom Beamer runterfliegt, wird sich überlegen, ob sie sich noch ein zweites mal trauen wird. Im Endeffekt ist dann vielleicht die Umgebung/Ausstattung der Schule schlecht, unterm Strich bleibt aber meistens übrig, dass „die Dinger nicht funktionieren“. 

Ein abschließender Satz zu WLAN. Ich finde, dass WLAN überbewertet ist. iPads können so gut wie alles (außer Internetrecherche) ohne WLAN. Über AirDrop Dateiaustausch, über AirPlay das Spiegeln am Beamer mit AppleTV, sie können Audio, Video in Dokumenten ohne Cloud, man kann mit ihnen auch ohne Internet einfach und unkompliziert kollaborativ arbeiten. Man braucht auch nicht Unmengen an Apps, um mit den iPads tollen Unterricht machen zu können. Aber das ist ein anderes Thema, zu dem Sie mich gerne befragen dürfen.

Und damit möchte ich mit einem Satz schließen, den ich immer relativ am Anfang meiner Workshops sage: 

iPads machen nicht automatisch tollen Unterricht, aber sie machen es den Kolleg:Innen möglich, ohne aufwendige Planung tollen Unterricht durchzuführen. Was ist toller Unterricht? Toller Unterricht ist (natürlich) motivierend, er ist aber vor allen Dingen auch binnendifferenzierend und methodenvielfältig. Und genau DAS ist alles einfach und unkompliziert mit iPads für jede/n möglich. 

Helfen und unterstützen Sie Ihre Kolleg:Innen dabei! Bitte! Danke! 

…auf Twitter finden Sie mich übrigens HIER

…und natürlich darf der Artikel gerne an betreffende Stellen weitergeleitet werden… dazu ist er da 🙂

Sollten Sie Interesse an einer schulinternen iPad-Fortbildung haben, schreiben Sie mir bitte eine Nachricht.

 

7 Gedanken zu „Eine Bitte an Entscheidungsträger:Innen…

  1. Hallo Bernd,
    du sprichst mir aus der Seele. Leider eckt man selbst im #twlz immer wieder an, wenn man auf den Unsinn einer zu starken Reglementierung zu sprechen kommt. Dabei sollte alle KuK, Schulleiter:innen usw. klar sein, wie vorteilhaft es ist EIN System zu nutzen und LuL zu erlauben frei mit den Geräten zu agieren. Es ist absolut nicht nachvollziehbar, wenn LuL keine Apps installieren dürfen, oder SuS keinen iCloud-Zugang bekommen. So etwas können sich echt nur tröge Sachbearbeiter ausdenken. Also, noch einmal Danke für deine Worte. CU entweder im twlz oder in einer Fobi, die du so toll machst. Liebe Grüße aus Sachsen. René

  2. Aus vollstem Herzen danke für deinen Artikel! Alles auf den Punkt und spiegelt alles wieder, was mich gerade umtreibt. Die Hoffnung auf Veränderung stirbt zuletzt.

  3. Lieber Bernd,
    Was für ein umfassender und alle Punkte, die uns ipadaffinen LehrerInnen gerade umtreibt, angesprochener Beitrag. Vielen Dank dafür und ich werde ihn so oft teilen, an den Stellen, wo er hoffentlich immer mehr Beachtung findet. 🙏🏻👍🏼
    Herzliche Grüße,
    Melanie Müller

  4. Guten Morgen Bernd,
    Gut gebrüllt Löwe 👍
    Ich arbeite gerade an den Möglichkeiten die ein neu angeschaffte iPad-Koffer an meiner VHS für die DozentInnen und TN bietet.
    Ich denke, es sind deren einige.
    Herzliche Grüße vom kalten Westerwald
    Uli

  5. Die aufgeführten Punkte sehe ich auch so. Es ist leider so, dass hier oftmals Investitionen in IT-Ausstattung getätigt werden, die absolut keiner Logik folgen. Es macht sich aber gut in der Presse, wenn an Schulen Geld in IT-Ausstattung investiert wurde. Ob die Invests dann auch mit einem sinnvollen Konzept in Verbindung stehen, interessiert ja niemanden 😉
    Mir kommt das oft so vor, dass man hier Menschen ein Auto hinstellt, ohne daran zu denken, sie auch einen Führerschein machen zu lassen.
    Und so kommt es dann, dass Geld oft sehr unnötig investiert wird.
    Ich arbeite in der Industrie in der Ausbildung eines großen Chemie-Unternehmens. Als wir das Projekt Tablet-Klasse gestartet haben, war die Reihenfolge in der Vorgehensweise klar:
    – Konzepterstellung —> was wollen wir mit welcher Anwendung wie umsetzen
    – WLAN- Versorgung sicherstellen
    – Entscheidung für iPads
    – Ausarbeitung der Qualifizierung von Azubis und Ausbildern
    – Ausbilder schulen
    – Start mit den Azubis, diese vorab mit den Anwendungen vertraut machen
    -Feedback-Runden mit Azubis und Ausbildern machen, um den Feinschliff vornehmen zu können

    Klingt eigentlich alles ganz einfach und logisch, wird aber leider oft nicht so gemacht. Der Erfolg stellt sich dann leider oft nicht ein.

    In wie weit die nicht ganz idealen Umsetzungen an Schulen damit zu tun haben, dass sowohl die Entscheider in der „Verwaltung“ als auch die Schulleiter und Lehrer selbst Beamten sind, möchte ich hier nicht bewerten.

    Bei uns in der Industrie funktionieren die Tablet-Klassen sehr gut.

  6. Hallo Bernd,

    Recht hast du! Wir sind mit unseren iPads jetzt im 4. Jahr auf dem Weg und sehr zufrieden mit unseren Entscheidungen, die wir unterwegs getroffen haben. Wir haben eben auch Glück mit unserem Schulträger, haben inzwischen in jedem Klassenzimmer WLAN und Projektionstechnik. Viele Grüße aus Meiningen!

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